Seit 2008 veröffentlicht das Institut für Finanzdienstleistungen e.V. (iff) jährlich seinen Überschuldungsreport. Für die 19. Ausgabe haben die Autoren Daten von 120 Schuldnerberatungsstellen aus allen deutschen Bundesländern ausgewertet. Insgesamt 213.102 Beratungsfälle aus den Jahren 2014 bis 2024 wurden berücksichtigt.
Ein besonderer Schwerpunkt lag dieses Jahr auf dem Zusammenhang zwischen Überschuldung und Gesundheit. Wir fassen die wichtigsten Erkenntnisse zusammen.
Das Wichtigste – kurz & knapp
- Die mittlere Schuldenhöhe 2024 liegt bei 14.908 Euro pro Person.
- Die Mehrheit der überschuldeten Personen, die sich an eine Schuldnerberatung wendet, ist zwischen 30 und 44 Jahre alt, männlich und Single.
- Die drei häufigsten Überschuldungsgründe sind Krankheit, Arbeitslosigkeit sowie Trennung oder Scheidung.
- Der häufigste Weg der Schuldenbereinigung besteht in der Privatinsolvenz (fast 45 Prozent der Fälle).
Gesamtwirtschaftliche Entwicklung und Überschuldungsquote
Die wirtschaftliche Lage in Deutschland sehen die Autoren 2024 durch eine weiterhin schwächelnde Wirtschaft und eine rückläufige Inflation geprägt. Wie aus dem SchuldnerAtlas der Wirtschaftsauskunftei Creditreform hervorgeht, ist die Anzahl der Überschuldungsfälle 2024 um 94.000 Personen gesunken. Dieser Rückgang ist allerdings deutlich geringer als in den Vorjahren. Die Überschuldungsquote sank um 0,06 Prozentpunkte auf 8,09 Prozent.
Überschuldung liegt vor, wenn die betroffenen Personen oder Haushalte ihre finanziellen Verpflichtungen auf Dauer nicht mehr tragen können – auch dann nicht, wenn sie ihren Lebensstandard reduzieren. Bei lediglich vorübergehenden Zahlungsschwierigkeiten spricht man dagegen von Zahlungsunfähigkeit.
Wer sucht Rat bei den Schuldnerberatungsstellen?
Unterstützung bei Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung bieten professionelle Schuldnerberatungsstellen. Der Überschuldungsreport zeigt, wer dort nach Rat sucht:
- Die Mehrheit der Ratsuchenden (40,92 Prozent) ist zwischen 30 und 44 Jahren alt. Diese Altersgruppe zeichnet sich den Autoren zufolge durch größere Umbrüche wie Familiengründungen oder berufliche Neuorientiert aus, bei vergleichsweise geringen finanziellen Rücklagen.
- 61,74 Prozent der Ratsuchenden leben allein.
- Alleinerziehende Mütter machen einen Anteil von 14,48 Prozent der Ratsuchenden aus.
- Nur 21,72 Prozent der Ratsuchenden leben in einer Partnerschaft.
- 62,20 Prozent der Ratsuchenden sind männlich, 36,93 Prozent weiblich.
- Ein Viertel der Ratsuchenden arbeitet im Angestelltenverhältnis, 16,6 Prozent beziehen Bürgergeld, 9,5 Prozent erhalten eine Rente oder Pension.
- 18,44 Prozent der Ratsuchenden haben keinen Schulabschluss. Der Anteil an Personen ohne Schulabschluss an der Gesamtbevölkerung liegt bei nur fünf Prozent.
- Das Nettoeinkommen der Ratsuchenden beträgt im Mittel 990 Euro im Monat.
Die Hälfte der Personen, die eine Schuldnerberatung in Anspruch nehmen, hat Schulden bei weniger als zehn Gläubigern, 29 Prozent haben Zahlungen bei weniger als fünf Gläubigern offen. Die Schuldenhöhe liegt im Mittel bei 14.908 Euro.
Die häufigsten Ursachen für Überschuldung
Der iff Überschuldungsreport analysiert auch, aus welchen Gründen sich Betroffene überschuldet haben. Für die aktuelle Ausgabe haben die Autoren erstmals alle krankheitsbezogenen Gründe wie Erkrankungen, Sucht und Unfall in der Kategorie „Krankheit“ zusammengefasst.
Krankheit ist mit 17,6 Prozent auch die häufigste Überschuldungsursache (Krankheit 13,02 Prozent, Sucht 4,36 Prozent, Unfall 0,29 Prozent).
Weitere häufige Gründe umfassen:
- Arbeitslosigkeit und reduzierte Erwerbsarbeit: 15,3 Prozent
- Konsumverhalten: 9,7 Prozent
- Trennung oder Scheidung: 9,1 Prozent
- Gescheiterte Selbstständigkeit: 9 Prozent
Insgesamt lassen sich rund 43 Prozent der Überschuldungsfälle auf Krisensituationen zurückführen, die außerhalb des persönlichen Einflusses liegen. Demgegenüber ist nur etwa ein Viertel der Überschuldungsfälle durch Verhaltensfehler wie überzogenes Konsumverhalten, fehlende finanzielle Allgemeinbildung (6,1 Prozent) und unwirtschaftliche Haushaltsführung (5 Prozent) begründet.
Gesundheitliche Auswirkungen der Überschuldung
Finanzielle Probleme können die Gesundheit der Betroffenen belasten. Der iff Überschuldungsreport zeigt dies anhand von Daten des Robert-Koch-Instituts:
- Schlafprobleme: Überschuldete Personen leiden häufiger an Ein- und Durchschlafproblemen als die Allgemeinbevölkerung (72,3 bzw. 74 Prozent zu 52,4 bzw. 65,2 Prozent). 21,6 Prozent von ihnen nehmen Schlafmittel ein (Allgemeinbevölkerung: 6 Prozent).
- Schmerzen: Überschuldete Personen klagen häufiger über Schmerzen (71,3 Prozent) als die Allgemeinbevölkerung (59,6 Prozent). Nach statistischer Anpassung ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Schuldner Schmerzmittel einnehmen, allerdings geringer als in der Allgemeinbevölkerung, was auf einen eingeschränkten Zugang zu kostenpflichtigen Medikamenten zurückgeführt werden kann.
- Depression: 12,3 Prozent der überschuldeten Personen nehmen Antidepressiva ein. In der Allgemeinbevölkerung liegt dieser Anteil bei fünf Prozent.
Privatinsolvenz als Ausweg aus der Schuldenfalle
Die Analyse der Überschuldungsfälle zeigt, dass die Mehrheit der Betroffenen zunächst versucht, ihre Probleme allein zu lösen. Zu den gängigen Strategien gehört es, Ausgaben zu senken, Sozialleistungen zu beantragen, Kredite aufzunehmen oder eine zusätzliche Erwerbstätigkeit zu ergreifen. Einige Betroffene vereinbaren auch Stundungen oder Ratenzahlungen mit ihren Gläubigern.
Die Hilfe einer Schuldnerberatung wird vergleichsweise spät in Anspruch genommen, oft erst nach mehreren Jahren. Schätzungen gehen zudem davon aus, dass sich nur zehn bis 15 Prozent aller Überschuldeten überhaupt an eine Beratungsstelle wenden.
In den häufigsten Fällen hat die Schuldnerberatung die Schuldensanierung durch Privatinsolvenz zur Folge (44,49 Prozent). Die Beratungsdauer liegt im Mittel bei 124 Tagen.
Wer sich frühzeitig an eine Schuldnerberatung wendet, kann ein Insolvenzverfahren häufig vermeiden. Zögern Sie daher nicht, bei finanziellen Problemen Kontakt zu uns aufzunehmen.
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Oliver Schulz ist seit 2010 Rechtsanwalt und hat sich als Fachanwalt auf das Rechtsgebiet Insolvenzrecht spezialisiert. Mit seiner Kanzlei Schulz & Partner führt er seit 2012 die Schuldnerberatung Schulz, die in mehreren deutschen Städten ansässig ist und Schuldnern dabei hilft, ihre Schulden durch einen außergerichtlichen Vergleich, eine Regelinsolvenz oder eine Privatinsolvenz loszuwerden und finanziell neu durchzustarten. Er ist u.a. Mitglied im HAV (Hamburgischer Anwaltverein e.V.) und im Norddeutschen Insolvenzforum Hamburg e.V.. Als ausgewiesener Experte gibt er Interviews, z.B. bei RTL Direkt (zum Thema SchuldnerAtlas 2023). Außerdem ist er als Gastautor aktiv, z.B. auf Unternehmer.de.


