Ein gutes Gehalt schützt nicht zwangsläufig vor Geldsorgen. Diese Erfahrung müssen in Deutschland immer mehr Mittelständler machen. Die steigende Inflation wirkt sich insbesondere auf die Kaufkraft von Familien mit mittlerem Einkommen aus. Die Angst vor dem sozialen Abstieg wächst.
Wie es um die Situation des deutschen Mittelstands bestellt ist und was Sie gegen finanzielle Sorgen unternehmen können, erfahren Sie im folgenden Beitrag.
Das Wichtigste – kurz & knapp
- Rund 52 Prozent der Mittelschichtler haben Angst vor dem sozialen Abstieg.
- 2018 gehörten 64 Prozent der deutschen Haushalte zur Mittelschicht, sechs Prozent weniger als 1995.
- Steigende Lebensmittel- und Energiepreise treffen Familien mit mittlerem Einkommen besonders stark.
- Bei Geldsorgen trotz guten Gehalts kann eine professionelle Schuldnerberatung sinnvoll sein, vor allem bei langfristigen und schwerwiegenden finanziellen Problemen.
Angst vor sozialem Abstieg wächst
Zur Mittelschicht gehören alle Personen, deren Einkommen über dem Existenzminimum liegt, die aber nicht die oberen Einkommensschichten erreichen. Singles zählen laut Bertelsmann Stiftung mit 2.000 bis 4.000 Euro Monatseinkommen zur Mittelschicht, Familien mit zwei Kindern fallen bei einem Monatsgehalt zwischen 4.000 und 8.000 Euro in diese Einkommensgruppe.
Wie eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, steigt die Einkommens-Ungleichheit in Deutschland seit 2010 kontinuierlich an. So hat sowohl die Quote der von Einkommensarmut als auch die Quote der von starker Armut betroffenen Haushalte von 2010 bis 2021 deutlich zugenommen.
Mit der Einkommens-Ungleichheit wächst die Angst vor dem sozialen Abstieg – und strahlt bis in die Mittelschicht hinein. Laut Böckler-Lebenslagenbefragung haben sich im Jahr 2023 rund 52 Prozent der Mittelständler Abstiegssorgen gemacht. Das sind 15 Prozent mehr als noch im Jahr 2020.
Die Sorgen sind nicht unbegründet: Schon 2021 kam eine Untersuchung der Bertelsmann Stiftung zu dem Ergebnis, dass die Gefahr, aus der Mittelschicht abzusteigen, zunimmt. Betroffen sind vor allem Personen aus der unteren Mittelschicht, die über ein Einkommen von 75 bis 100 Prozent des mittleren Einkommens verfügen. Zugleich hat sich der Zugang zur Mittelschicht verschlechtert: Gehörten 1995 noch 70 Prozent der Bevölkerung zu dieser Einkommensgruppe, waren es 2018 nur noch 64 Prozent.
Steigende Inflation, sinkende Kaufkraft
Seitdem hat sich die Mittelschicht nicht grundlegend erholt. Eine Ursache dafür sind unter anderem die hohen Energie- und Lebensmittelpreise, die vor allem Familien mit Kindern zu schaffen machen. Wie Stimmungsbilder zeigen, schränken sich viele Haushalte mit eigentlich gutem Einkommen mittlerweile ein, verzichten auf Restaurantbesuche, Kino und andere Freizeitveranstaltungen, da das Einkaufen im Supermarkt teuer geworden ist.
Auch das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung kommt zu dem Schluss, dass die Kaufkraft für Familien in der Mittelschicht gesunken ist. Die Entlastungsmaßnahmen der Bundesregierung sind demnach vor allem Geringverdienern, kinderlosen Paaren und Familien aus den höheren Einkommensschichten zugutegekommen.
Familien mit mittleren Einkommen haben dagegen weniger stark von der Einkommensteuersenkung profitiert. Hinzu kommt, dass das Kindergeld kaum angehoben wurde. Gemäß IMK-Rechnung hat eine Familie mit zwei Kindern und zwei berufstätigen Elternteilen, die zusammen 58.990 Bruttoeinkommen im Jahr verdienen, einen Kaufkraftverlust von 492 Euro verzeichnen müssen.
Tipps gegen die Kaufkraftlücke
Was können Sie nun tun, wenn trotz guten Gehalts am Ende des Monats das Geld knapp wird? Sparen, beim Einkaufen auf Angebote achten und häufiger mal zum Discounter als in den Supermarkt gehen, sind gängige Maßnahmen.
Darüber hinaus helfen dies folgenden Tipps gegen die Kaufkraftlücke.
1. Haushaltsbuch führen
Notieren Sie akribisch alle Einnahmen und Ausgaben. Mittlerweile gibt es für diesen Zweck praktische Smartphone-Apps, sodass Sie nicht mehr alle Posten per Hand erfassen müssen. Einige Apps lassen sich sogar mit dem Konto verbinden und erstellen eine automatische Ausgabenübersicht, geordnet nach Posten. So erkennen Sie, wo es noch Sparpotenzial gibt.
2. Verträge überprüfen
Gehen Sie Ihre Versicherungs-, Strom-, Internet- und Mobilfunkverträge durch und schauen Sie sich gegebenenfalls nach günstigeren Anbietern um. Prüfen Sie auch, ob Sie Abos abgeschlossen haben, die Sie eigentlich nicht mehr benötigen.
3. Gehaltsverhandlung führen
Liegt die letzte Gehaltserhöhung schon einige Zeit zurück, sollten Sie das Gespräch mit Ihrem Arbeitgeber suchen. Machen Sie deutlich, was Sie für den Betrieb geleistet haben und warum Sie ein unverzichtbarer Mitarbeiter sind.
4. Berufliche Weiterbildung
Eventuell bietet Ihr Betrieb die Möglichkeit, firmeninterne oder externe Fort- und Weiterbildungen zu besuchen. Nehmen Sie diese Möglichkeiten wahr! Mit der beruflichen Qualifikation steigt die Aussicht auf ein besseres Einkommen. Damit haben Sie zwar nicht kurzfristig, aber langfristig mehr Geld in der Haushaltskasse.
5. Neuen Job suchen
Tritt Ihre Karriere auf der Stelle und es steht auch keine Besserung in Aussicht, können Sie überlegen, eine neue berufliche Herausforderung anzunehmen. Viele Branchen suchen händeringend nach gut qualifizierten Fachkräften, insbesondere das Gesundheitswesen, das Handwerk, Logistikbetriebe und MINT-Unternehmen.
6. Professionelle Hilfe suchen
Finanzielle Probleme sind auch mit einem eigentlich guten Einkommen kein Grund zur Scham. Insbesondere in länger bestehenden und schwerwiegenden Fällen sollten Sie eine Schuldnerberatung aufsuchen, bevor es zur Überschuldung kommt. Wir helfen Ihnen gerne weiter und erstellen einen individuellen Plan zur Schuldensanierung. Häufig gelingt ein Schuldenvergleich. Falls nicht, führt auch der Weg über eine Privatinsolvenz zum finanziellen Neustart.
Foto: blankstock / stock.adobe.com
Oliver Schulz ist seit 2010 Rechtsanwalt und hat sich als Fachanwalt auf das Rechtsgebiet Insolvenzrecht spezialisiert. Mit seiner Kanzlei Schulz & Partner führt er seit 2012 die Schuldnerberatung Schulz, die in mehreren deutschen Städten ansässig ist und Schuldnern dabei hilft, ihre Schulden durch einen außergerichtlichen Vergleich, eine Regelinsolvenz oder eine Privatinsolvenz loszuwerden und finanziell neu durchzustarten. Er ist u.a. Mitglied im HAV (Hamburgischer Anwaltverein e.V.) und im Norddeutschen Insolvenzforum Hamburg e.V.. Als ausgewiesener Experte gibt er Interviews, z.B. bei RTL Direkt (zum Thema SchuldnerAtlas 2023). Außerdem ist er als Gastautor aktiv, z.B. auf Unternehmer.de.


