CheckNow - Schufa testet zusätzliche Bonitätsbewertung anhand von Kontoauszügen

CheckNow – Schufa testet zusätzliche Bonitätsbewertung anhand von Kontoauszügen

Nach Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung testet die Schufa – in Zusammenarbeit mit O2 – seit Anfang November 2020 den Service CheckNow. Stimmt der Kunde zu, darf die Schufa einen Blick auf die Kontoauszüge werfen und eine Neubewertung der Bonität vornehmen. Fällt diese Bewertung positiver aus als der ursprüngliche niedrige Schufa-Score, ist es ggf. doch möglich, einen Vertrag abzuschließen. In der Testphase geht es dabei um einen Handyvertrag.

Die Schufa stellt ihren Service als (großzügige) Chance für Verbraucher dar, trotz eines negativen Scores als Vertragspartner anerkannt zu werden. Das Problem einer schlechten Bonität tragen insbesondere Verbraucher mit sich herum, die eine Privatinsolvenz absolviert haben. Der unvorteilhafte Schufa-Score sorgt bis drei Jahre nach dem erfolgreichen Insolvenzverfahren für Schwierigkeiten, am normalen Wirtschaftsleben teilzunehmen.

Konkret haben es diese Personen u.a. deutlich schwieriger, eine Wohnung zu mieten oder Ratenkredite aufzunehmen. Für diese Personen könnte CheckNow eventuell tatsächlich sinnvoll sein, eine entsprechend positive Kontoführung vorausgesetzt. Auf die vielen ABERs kommen wir zu sprechen, nachdem wir eine wichtige Hintergrundinformation geliefert haben …

Legitimation durch EU-Richtlinie

Zunächst stellt sich die Frage, warum die Schufa, eine privatwirtschaftliche Auskunftei, überhaupt Zugriff auf Kontoauszüge bekommen kann? Das liegt an der Zweiten EU-Zahlungsdiensterrichtlinie (PSD2) aus dem Jahre 2019. Seitdem dürfen Kontoinformationsdienste Daten von Bankkonten einsehen, wenn die Kunden zustimmen.

Die Schufa hat anscheinend in weiser Voraussicht bereits 2018 die Finapi GmbH gekauft, die Einblick in ca. 58 Millionen Konten hat. Mit diesem „Datenschatz“ entwickelt sich die Schufa immer mehr zu einer „Datenkrake“, die diesen Schatz natürlich irgendwie für ihre (Geschäfts)Zwecke nutzen möchte. Der Test mit O2 ist dementsprechend aus Sicht der Schufa folgerichtig.

Deutliche Kritik aus mehreren Richtungen

Die Schufa besitzt Daten über ca. 68 Millionen Privatpersonen und 6 Millionen. Aus diesen Daten berechnet ein Algorithmus den Schufa-Score. Leider ist dieses Verfahren schon jetzt alles andere als transparent. Die zusätzliche Möglichkeit, alle Bewegungen auf Bankkonten nachzuvollziehen, wird den Prozess nicht verständlicher machen, befürchten Kritiker.

Datenschützer schlagen Alarm, weil man sich quasi komplett „entblößt“, wenn man CheckNow zustimmt. Kontoauszüge verraten so ziemlich alles über den Lebenswandel, zumal heutzutage fast alle Kosten über das Bankkonto beglichen werden. Die Schufa kann ein genaues Persönlichkeitsprofil erstellen, bei denen Ausgaben für Lotto / Glücksspiele, Arztrechnungen oder Inkassounternehmen als neue „Risikofaktoren“ eingeschätzt werden.

Ein weiterer Aspekt betrifft die Informationen über Dritte, die ebenfalls aus den Kontoauszügen gewonnen werden können. Auch dies ein großes datenschutzrechtliches Problemfeld.

Darüber hinaus würde die Macht der Schufa nochmals steigen, und das sprunghaft. Da stellt sich die Frage, ob diese Machtfülle in den Händen eines privaten Unternehmens liegen sollte … Aus diesem Grunde prüft das Bayerische Landesamt für Datenschutzaufsicht CheckNow gerade.

Und zu guter Letzt sind Unternehmen, die wertvolle (und äußerst sensible) Datenschätze horten, auch immer ein beliebtes Ziel für Hackerangriffe. Sollte die Schufa das neue Geschäftsmodell nach der Testphase ins Portfolio aufnehmen, müsste die Frage nach der IT-Sicherheit sicherlich noch lauter gestellt werden.

Wir bleiben am Ball und berichten über das Thema, sobald es neue Erkenntnisse gibt!

Photo by Chris Yang on Unsplash

Schuldnerberatung Schulz: Oliver Schulz (Rechtsanwalt / Fachanwalt für Insolvenzrecht)
Oliver Schulz
Rechtsanwalt / Fachanwalt für Insolvenzrecht

Oliver Schulz ist seit 2010 Rechtsanwalt und hat sich als Fachanwalt auf das Rechtsgebiet Insolvenzrecht spezialisiert. Mit seiner Kanzlei Schulz & Partner führt er seit 2012 die Schuldnerberatung Schulz, die in mehreren deutschen Städten ansässig ist und Schuldnern dabei hilft, ihre Schulden durch einen außergerichtlichen Vergleich, eine Regelinsolvenz oder eine Privatinsolvenz loszuwerden und finanziell neu durchzustarten. Er ist u.a. Mitglied im HAV (Hamburgischer Anwaltverein e.V.) und im Norddeutschen Insolvenzforum Hamburg e.V.. Außerdem ist er als Gastautor aktiv, z.B. auf Unternehmer.de.

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